Novaesium, alias Neuss

Völkerwanderung: Die Germanen dringen ins römische Imperium

von Gerhard Wirth 
I. Einleitung V. Hunnen, Germanen, Römer
II. Vorformen und Voraussetzungen VI. Das Ende der Epoche I
III. Der große Sturm VII. Das Ende der Epoche II
IV. Die germanischen Stämme VIII. Literatur und Verweise

V. Der kurze Traum vom Reich im Norden - Hunnen, Germanen, Römer


Die Zäsur, die diese Jahrzehnte bedeuteten, ging in den Fünfzigerjahren des 5. Jahrhunderts zu Ende. Einiges an Ereignissen danach wurde bereits vorweggenommen. Wichtig für die weitere Entwicklung war das Hunnenreich im Nordosten, seine Geschichte und mehr noch sein Verfall. Die allmähliche Einigung der anfangs heterogenen Gruppen unter Uldin um die Wende zum 5. Jahrhundert und dessen Eingreifen in die Auseinandersetzungen des Ost- wie vor allem des Westreiches mit den Germanen schufen einen neuen Faktor der Imperiumspolitik. Plünderungszüge dieses Herrschers, erstmals 409 und später immer wieder, gegen Ostrom scheiterten an der Bestechlichkeit der Unterführer. Ein skirisches Hilfskontingent wurde vernichtet.

Hunnen-Sattel
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In den folgenden Jahren scheinen sich die Hunnen weiter nach Westen bewegt und die für ihre Lebensweise geeignete Ungarische Tiefebene zu ihrem Zentrum gemacht zu haben. Bald danach bildete sich unter Ruga (auch Rua) und dessen Brüdern eine Dynastie heraus, die ihr Verhältnis zu den beiden Reichen differenziert gestaltete. Tributzahlungen an den Hunnenherrscher spielten eine wichtige Rolle in einem unverkennbaren Prozess der Angleichung und der Beschaffung von Zivilisationsgütern, während Plünderungszüge der Hunnen besonders gegen Ostrom diese ergänzten.

Doch bereits 424 verschaffte sich der weströmische Usurpator Johannes ein starkes hunnisches Hilfskontingent, das zwar erst nach seiner Beseitigung eintraf, jedoch auf eine nunmehr bereits etablierte zentrale Institution dieser Hunnen schließen lässt. 433 wiederum konnte Aetius, nach Beseitigung seiner Gegner am Hof und gegen Abtretung wohl von Teilen Pannoniens, sich erneut hunnische Truppen für den Kampf in Gallien verschaffen, die wohl mehrere Jahre in seinem Dienst blieben.

Nomaden sollen sesshaft werden - Attilas Kraftakt

Mit dem Tode Rugas 435 ging die Herrschaft auf dessen beide Neffen Attila und Bleda über, nach Ermordung des Letzteren 445 herrschte Attila allein. Neue Kriege gegen Byzanz (440443; 447) führten zur Erhöhung der Tribute von 350 auf 700 und dann auf 2100 Pfund Gold jährlich. Zugleich kam es zu regem diplomatischem Verkehr sowie zu rigorosen Forderungen etwa nach Auslieferung hunnischer Überläufer und nach territorialen Regelungen. Eine schwerwiegende Einbuße können diese Zahlungen an die Hunnen nicht gewesen sein, da ein großer Teil des Geldes, wenn überhaupt gezahlt, in das Imperium zurückgeströmt sein muss. Aus diesem bezog Attila überdies den Großteil seiner Sekretäre und Ratgeber.

Wichtiger aber war, dass dieses Hunnenreich sich auch die germanischen Stämme eingliederte, auf die es in seinem Interessengebiet gestoßen war, und mit diesen zusammen ein Bündnisgefüge schuf, das Imperiumscharakter trug. Ostgoten, Gepiden, Skiren, Heruler, Sweben und Rugier blieben an den Plätzen, die sie bis zu diesem Zeitpunkt eingenommen hatten. Das Reich, dessen Zentrum jetzt im östlichen Ungarn lag, förderte die Bildung eigener germanischer, gegebenenfalls neuer Dynastien wie die der (ostgotischen) Amaler und bediente sich der durch sie gebotenen Hilfsmittel zum Unterhalt des hunnischen Bevölkerungsteils wie auch der militärischen Aufgebote in seinen Kriegen.

Der Grund für all dies wird in der Lage zu sehen sein, in der sich das Volk der Hunnen seit seinem Einfall nach Europa befand. Hatte seine bisherige Geschichte auf einer nomadischen Lebensweise und der Verfügbarkeit großer Räume beruht, so gab es jetzt diese Voraussetzungen nicht mehr. Der damit unvermeidliche Übergang zur Sesshaftigkeit aber war weder ein leichter noch ein spontaner Prozess. Der König hatte ihn wohl weitgehend zu erzwingen, doch ohne Geldmittel und die Unterstützung von außen durch verbündete Völker war dieses Ziel nicht zu erreichen.

Dass Attila diese Umwandlung energisch begann, ist aus der zeitgenössischen Überlieferung zu folgern; archäologische Zeugnisse in Böhmen, Mähren wie im südlichen Pannonien lassen auf Einrichtung von Garnisonen oder Ansiedlung hunnischer Volksteile auch im Vorfeld schließen und können solche Vermutungen bestätigen. In der Tat, eine Alternative gab es für Attila kaum. Wie weit sich bei all dem der Charakter des Volkes durch Anpassung, Zwischenheirat und Akkulturierung ändern würde, war nicht abzusehen. Ging es aber zugleich um den Ausbau eines Imperiums im Norden mit einer Kontrolle über riesige Räume im Sinne einer Ordnung der oikumene, der zivilisierten Welt, so mochte dem Hunnenkönig die Unterstützung, die er von den etablierten Reichen verlangte, als gerechtfertigt erscheinen.

Der Zug der Hunnen gegen Westrom

Von hier aus aber wird es auch zu verstehen sein, dass Attila um 450 diesen eben begonnenen Prozess einer friedlichen Entwicklung abbrach und mit allen verfügbaren Kräften zum Zug gegen das westliche Imperium antrat, zu dem die Beziehungen bisher ausnehmend friedlich gewesen waren. Die Gründe sind unklar; die Aufkündigung der Tribute durch den oströmischen Kaiser Markian reicht für eine Erklärung so wenig aus wie die Aufforderung aus Gallien, in eine fränkische Dynastiestreitigkeit einzugreifen. Wichtiger war das Heiratsangebot, das Attila von Honoria, der Schwester Valentinians III., zuging und das unausgesprochen die Gewinnung eines Teiles des weströmischen Reiches als Heiratsgut bedeutete. Die Hoffnungen, die sich für Attila aus einer Ausweitung des Interessengebiets nach Gallien und damit für ein Imperium vom Kaukasus bis zum Atlantik auf diese Weise ergaben, waren zweifellos groß, und an seinen Forderungen gegenüber dem Kaiser hat er auch noch festgehalten, als die Braut eiligst anderweitig verheiratet wurde.

Für das westliche Imperium freilich bedeutete diese Invasion im Frühjahr 451 einen Schock, denn weder besaß man genügend Streitkräfte für eine Abwehr, noch konnte man sich der Bundesgenossen sicher sein, von denen überdies Attila die Westgoten ganz besonders umwarb. Die Stärke des hunnischen Heeres mit seinen germanischen Bundesgenossen ist unbekannt, überlieferte Zahlen sind sicher Übertreibung. Die notwendige Ausplünderung des Landes führte zweifellos zu Grausamkeiten, die, für das hunnische Auftreten charakteristisch, vom König zur Verbreitung von Terror einkalkuliert waren. Ostern 451 ging Metz verloren, kurz danach kam es zur Belagerung von Orleans. Trotz flehentlicher Bitte besonders des Bischofs der Stadt gelang es Aetius erst im letzten Augenblick, sich der westgotischen Hilfe zu versichern und Attila zum Rückzug zu zwingen.

Karte Katalaunische Felder
© MediaCultura
Kurz danach kam es auf den Katalaunischen Feldern in der Nähe von Châlons-sur-Marne zur Schlacht, in der neben Hunnen und Römern germanische Stämme einander gegenüberstanden, und, wie überliefert, in besonders hartnäckiger Verbitterung miteinander kämpften. Der westgotische König Theoderich I. fiel, doch auf der Gegenseite waren die Verluste derart, dass Attila zeitweilig an Selbstmord dachte; schließlich aber räumte er Gallien. Aetius sandte die verbündeten Kontingente schnell nach Hause. Dass er Attila entkommen ließ, wurde ihm bereits von den Zeitgenossen als Verrat ausgelegt und trug zweifellos zu seiner Beseitigung im Jahr 454 bei.

Die Gründe für den neuen hunnischen Vorstoß bereits im nächsten Jahr, diesmal nach Italien, sind unbekannt, sie erklären sich nicht zuletzt als Versuch, sich für ausbleibende, nach wie vor notwendige Subventionen einen Ersatz zu schaffen. Der Angriff traf Rom unvorbereitet, sodass der Kaiser die Flucht nach Gallien erwog. Die Hunnen konnten so die oberitalienischen Städte ausplündern, ohne Widerstand zu finden. Aquileja wurde dem Erdboden gleichgemacht, seine Einwohner bildeten später den Kern für die Gründung Venedigs. Doch scheint Attilas Heer durch Seuchen derart dezimiert worden zu sein, dass es einer Gesandtschaft des römischen Senats, begleitet von Papst Leo I., offensichtlich ohne große Schwierigkeiten gelang, Attila zur Rückkehr zu bewegen. An seinen Forderungen freilich hielt er fest. Im nächsten Jahr, 453, indes verstarb er plötzlich. Trifft zu, dass dies während der Hochzeit mit einer jungen Gotin geschah, so wäre denkbar, dass er nun beabsichtigte, die Beziehungen zu den germanischen Bundesgenossen neu zu intensivieren.

Nach Attilas Tod

Eine Nachfolgeordnung gab es nicht.Attilas Söhne, unter sich zerstritten, waren außerstande, sein Imperium zusammenzuhalten. Als Folge davon machten sich die germanischen Untertanen selbstständig. Unter Führung des gepidischen Königs Ardarich kam es zu kriegerischen Aktionen, und nach einer Niederlage der mit den Ostgoten verbündeten Hunnen am Fluss Nedao (in Pannonien), wohl noch 453, zog sich der Großteil der Hunnen in den Osten zurück, wo sie mit verwandten Stämmen neue Koalitionen eingingen. Einige dieser Attilasöhne traten bald danach mit Ostrom in Verbindung, stießen aber auf keinerlei Interesse mehr.

Als integrierbar erwiesen sich die Hunnen, im Gegensatz zu anderen Völkern, auch in kleineren Gruppen nicht. Die Germanen aber begannen sich erneut in Bewegung zu setzen und, durch ihre Zugehörigkeit zum hunnischen Imperium innerlich gefestigt, nach neuen Plätzen zu suchen. Dabei freilich ging jeder seinen eigenen Weg, eine gemeinsame Richtung ist nicht zu erkennen.

So besetzten nach einem Vertrag mit Ostrom die Ostgoten in drei Stammesgruppen unter Führung von Königen aus der Amalerdynastie Pannonien etwa um den Plattensee, wo sie sich gegen Koalitionen von Nachbarstämmen, insbesondere der östlich der Donau lebenden Sweben, behaupteten. Die Gepiden siedelten im heutigen Siebenbürgen, die Heruler, bisher in der Nähe des Asowschen Meeres, zogen in die Slowakei, in ihre Nähe die bisher wohl an der unteren Donau wohnenden Skiren, in die Gegend nördlich davon die Masse der Langobarden, die bisher ihre Sitze an der mittleren Oder bis hin zur Elbe behalten hatten. Nördlich der mittleren Donau dehnte sich das Reich der Rugier aus, westlich davon bis nach Mitteldeutschland das der Thüringer, die, ebenfalls Teilnehmer am Attilazug, nunmehr auch nach Böhmen ausgriffen.

Für jedes dieser Reiche war eine dynastische Regierung kennzeichnend; daneben wird sich eine adlige Oberschicht herausgebildet haben, die unter entsprechenden Titeln (Dux, Comes) Verwaltungs- und Aufsichtsfunktionen wahrnahm. An der unteren Donau strömten erneut bisher unbekannte Völkerschaften in die leer gewordenen Räume ein, Slawen, Anten, Bulgaren, Letztere als Nachfolger der Hunnen und mit diesen ethnisch verwandt. Sie wurden, vorübergehend auch von Ostrom in Dienst genommen, für dieses bald zur Gefahr.

© Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2004

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