Novaesium, alias Neuss

Völkerwanderung: Die Germanen dringen ins römische Imperium

von Gerhard Wirth [ 1
I. Einleitung V. Hunnen, Germanen, Römer
II. Vorformen und Voraussetzungen VI. Das Ende der Epoche I
III. Der große Sturm VII. Das Ende der Epoche II
IV. Die germanischen Stämme VIII. Literatur und Verweise

I. Einleitung


Der Epochenbegriff »Völkerwanderung« bezeichnet den Übergang von der Antike zum Mittelalter, bewirkt durch den Einbruch germanischer Völkerschaften ins römische Imperium. Der Begriff, erst im 18. Jahrhundert entstanden, umreißt die Zeit etwa zwischen 376 und 568, dem Hunnensturm und der Eroberung Italiens durch die Langobarden. Am Ende dieser Epoche sind Länder in den Mittelpunkt des historischen Blickfelds geraten, die für die Antike nur Randgebiete gewesen waren, während die Zentren, Griechenland und Italien, in die Bedeutungslosigkeit versinken.

Grabstein des centurio Marcus Caelius
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Die Völkerwanderung stand mit der zeitgleichen Spätantike in einem vielfältigen Wechselverhältnis. Zwar hatte die Krisen- und zuletzt Katastrophensituation des spätantiken Reiches innere Gründe zur Genüge. Die entscheidenden Anstöße indes kamen von außen und erschütterten die Mittelmeerwelt derart, dass am Ende zusammen mit den Lebensformen auch die Kultur verfallen war, die sie kennzeichnete. Anzeichen von Schwäche wurden früh sichtbar. So hatte bereits Augustus auf eine Unterwerfung der germanischen Welt verzichtet, seine Nachfolger versuchten lediglich Grenzkorrekturen. Bevölkerungsrückgang und häufige Epidemien, dazu finanzielle und wirtschaftliche Belastungen angesichts von Kriegen und anderen Imperiumsaufgaben führten zu Zwangswirtschaft und sozialen Schwierigkeiten und damit auch zum Ende von Blüte und Wohlfahrt, die insbesondere die ersten beiden Jahrhunderte der Kaiserzeit ausgemacht hatten.

Die Kosten für eine zwangsläufig starke Armee und die Aufrechterhaltung der allgemeinen Struktur mündeten so in einen Kreislauf von wachsenden Ausgaben und zunehmender Inflation, dazu in die Rückkehr zu Versorgungsautarkie und Naturalwirtschaft, die ihrerseits wieder die Urbanisierung und damit die Romanisierung des Reichsgebiets beeinträchtigten. Es kam zum Auseinanderklaffen der sozialen Schichten, an der Spitze in eine reiche mit guten finanziellen Ressourcen, Immunität (Freiheit von öffentlichen Lasten und Steuern) und Aussicht auf höchste Ämter und eine kuriale, die Beamten der städtischen Kurien umfassend, mit Verpflichtung zu Steuergarantie und Dienst in der Selbstverwaltung. Für die Eintreibung der geforderten Steuern ihres Bezirks hafteten die Kurialen mit ihrem Vermögen - für viele der Ruin. Für die niederen Schichten, die Kolonen (Kleinpächter), entwickelte sich der Kolonat zur erblichen Bindung an die Scholle und zu einer Lage ohne Aussicht auf Verbesserung; an ihr änderte auch die christliche Ethik nichts. Widerstandsbewegungen waren die Folge, bedeuteten aber weitere Belastung. Das Reformwerk Kaiser Diokletians (284ż305), geschaffen in der Absicht, dem Imperiumsgefüge wieder eine stabile Grundlage zu verschaffen, scheiterte. Zugleich begann ein Auseinanderdriften der beiden Imperiumshälften, gefördert nicht zuletzt durch die dogmatischen Streitigkeiten in der christlichen Kirche.

© Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2004


[ 1 ] Der Artikel stammt aus "Der Brockhaus in Text und Bild 2004" (urspr. veröffentlicht in: Die Weltgeschichte, Bd. 2: Antike Welten, hrsg. v. d. Brockhaus-Redaktion [1997]) und wird hier mit freundlicher Genehmigung des Verlages wiedergegeben. Der Autor, Dr. Gerhard Wirth, ist Professor emeritus am Seminar für Alte Geschichte der Universität Bonn.
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