Novaesium, alias Neuss

Westdeutsche Zeitung, 24. Mai 2007

Neubauprojekt: Fundgrube für Archäologen

Ulla Dahmen

Wo die Augustinus-Kliniken bauen wollen, wird eine Grabstätte aus dem 7. Jahrhundert vermutet. Für die Ausgrabungen haben die Archäolgen sechs Monate Zeit.

Es ist, wie an so vielen Stellen im Stadtgebiet, geschichtsträchtiger Boden. Dort, wo heute zwischen Nordkanalallee und Augustinusstraße das St. Josef-Krankenhaus seinen Platz hat, zog sich die Römerstraße entlang, stand einst zumindest am Rande des Areals das später zerstörte Oberkloster, ließ Napoleon den Nordkanal anlegen.

Krankenhaus St. Josef Satellitenaufnahme vom Gelände des Krankenhauses St. Josef: Unten die Nordkanalallee, im spitzen Winkel darauf zulaufend die Augustinusstraße. Auf der Grünfläche zur Straße hin sollen vier Bettenhäuser entstehen, zum Winkelende hin Turnhallen. Gräber werden an der Hangböschung der Augustinusstraße vermutet. Rechts oberhalb der Straße das Kloster Immaculata.
Foto: GoogleMap

Nun könnte durch Grabungen auf dem Gelände Licht in eine für Neuss kaum belegte Zeit gebracht werden: die "Dark Ages", die Zeit zwischen Spätantike und dem 8./9. Jahrhundert.

Keine Römerstraße, doch eine Scherbe

Auslöser waren die Pläne der Augustinus-Kliniken, auf dem Gelände des St. Josef-Krankenhauses zu bauen. Im Winter legte Sabine Sauer, Archäologin und Bodendenkmalpflegerin bei der Stadt, gezielt "Suchschnitte" auf dem Gelände an.

Eine Erkenntnis: Die Römerstraße ist hier nicht mehr nachzuweisen. Doch ein Fund überraschte die erfahrene Archäologin: Eine Scherbe in 1,50 Meter Tiefe, gefunden an der Hangböschung zur Augustinusstraße, stammt aus dem 7. Jahrhundert.

Ein Vorstoß ins unbekannte 7. Jahrhundert

Nichts Besonderes im geschichtsverwöhnten Neuss? Doch, sagt Sabine Sauer. Denn gerade aus dieser Zeit fehlen Quellen für das, was in der Stadt geschah. Die Römer waren fort, die Ursprünge des mittelalterlichen Neuss noch nicht herausgebildet.

500 römische Grabstellen sind nachgewiesen, nur einige wenige, zum Beispiel am Münsterplatz, aus diesen "Dark Ages". Dabei gibt es einen Hinweis, dass auf dem Areal des Oberklosters schon zu jener Zeit ein frühchristliches Zentrum existierte.

Dieser Hinweis stammt allerdings aus der Chronik eines Priors aus dem 16. Jahrhundert und galt nur eingeschränkt als Beleg. Auf der Klosterfläche, so schrieb jedenfalls dieser Werner von Titz, habe es einst ein Bacchusheiligtum gegeben, das um 690 in eine Kapelle der Heiligen Maria Magdalena umgewandelt worden sei.

Ein zweites frühes christliches Zentrum?

Und aus diesem 7. Jahrhundert stammt nun die Scherbe, die dort gefunden wurde, wo ein solcher zweiter frühchristlicher Schwerpunkt neben dem am heutigen Münsterplatz existiert haben könnte.

Dazu passt, dass nicht weit davon im 19. Jahrhundert ein Gärtner auf ein Grab aus dem 4. Jahrhundert stieß, das ein heute verschollenes Goldglaskästchen mit christlichen Motiven enthielt: ein Beispiel für frühestes Christentum in Neuss.

Nicht überraschend, dass Sabine Sauer in diesem Zusammenhang noch eher zurückhaltend von "äußerst spannenden Details" spricht. Nun wird systematisch gesucht. Auf der Fläche hin zur Augustinusstraße, auf der vier Bettenhäuser gebaut werden sollen, räumen Bagger nun die oberste Erdschicht fort.

Ein Archäologenteam untersucht dann "Verdachtsflächen", wird vielleicht fündig und würde danach, so Sauer, mögliche Grabbeilagen herausnehmen. "Wir erwarten nichts, was Auswirkungen auf die Neubaupläne haben könnte", erklärt sie.

Sechs Monate Zeit für die Grabungen

Überreste des Oberklosters, das die Neusser 1583 zerstörten, um nach bitteren Erfahrungen mit Karl dem Kühnen künftigen Feinden dort kein Quartier mehr zu bieten, könnten allenfalls im Grünstreifen zur Straße hin auftauchen.

Sechs Monate haben die Archäologen für die Grabungen; "komfortabel" nennt das Sabine Sauer. Über die Wahrscheinlichkeit, ein Gräberfeld zu finden, mag sie nicht spekulieren: "Gräber wurden immer willkürlich angelegt."

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